Wofür brauchst du deine Krankheit oder dein Symptom noch?
- Sebastian Hofer

- 7. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Die meisten Menschen kommen zu mir, mit einem impliziten oder expliziten Wunsch, dass ihre Symptome "weggemacht werden sollen. Mich interessiert dann häufig eher die Frage, unter welchen Umständen diese Symptome entstanden und immer noch da sind. Denn unser System hat eigentlich stets die Tendenz zur inherenten Heilung.
Es ist eine Frage, die provozieren kann. Die vielleicht sofort Widerstand auslöst. Und genau deshalb lohnt es sich, sie ernst zu nehmen.
Nicht als Vorwurf. Nicht als Unterstellung. Sondern als eine Einladung zur Neugier.
Was, wenn dein Symptom – der chronische Rückenschmerz, die immer wiederkehrende Erschöpfung, die Migräne, das Burnout – nicht nur eine Fehlfunktion ist? Was, wenn es gleichzeitig etwas für dich erledigt, das du auf keine andere Weise zu lösen weißt?

Das Symptom als Botschafter
In verschiedenen Therapieformen wie zum Beispiel der Cranio-Sakral-Therapie und im Somatic Experiencing® gibt es eine Grundannahme, die sich durch die gesamte körperorientierte Arbeit zieht: Der Körper macht nichts ohne Grund. Jedes Symptom, jede Spannung, jede Dysfunktion ist ein Ausdruck eines Systems, das versucht, im Gleichgewicht zu bleiben – oder das dieses Gleichgewicht einmal verloren hat und seitdem nach einem Ausweg sucht.
Das Symptom ist dann kein Feind. Es ist ein Botschafter.
Die Frage ist nur: Wessen Botschaft trägt es?
Wenn wir uns dieser Frage nähern, begegnen wir früher oder später einem Konzept, das in der Psychodynamik seit Jahrzehnten bekannt ist, aber selten offen ausgesprochen wird – dem sekundären Krankheitsgewinn.
Was ist sekundärer Krankheitsgewinn?
Der Begriff klingt technisch, fast kalt. Dabei beschreibt er etwas zutiefst Menschliches.
Primärer Krankheitsgewinn meint das, was das Symptom ursprünglich "löst" – oft eine unbewusste innere Konfliktspannung, die durch die körperliche Manifestation eine Art Ventil bekommt. Der sekundäre Krankheitsgewinn beschreibt die Vorteile, die das Kranksein im sozialen Umfeld mit sich bringt: Ruhe dürfen. Grenzen setzen dürfen. Gehört werden. Fürsorge empfangen. Entlastet werden von Erwartungen, die man nie wirklich tragen wollte.
Und das ist kein Versagen. Es ist eine kreative Lösung eines Systems, das keine andere Sprache gefunden hat.
Die entscheidende Frage lautet nicht: "Täuschst du dich oder andere?" – denn die Antwort ist fast immer Nein. Die Frage lautet: Was bekommst du durch dein Symptom, das du dir auf direktem Weg nicht erlauben kannst?
Wenn Schmerz die einzige Sprache der Verbindung ist
Hier kommen Bindungsthemen ins Spiel – und das ist vielleicht der bewegendste Teil dieser Betrachtung. Viele von uns haben früh gelernt: Gesund und funktionierend sein bedeutet, nicht zu stören. Bedürfnisse werden weggelächelt, Erschöpfung wird überspielt, Trauer kommt zu unpassenden Zeiten. Die Bezugspersonen hatten vielleicht selbst keine Ressourcen, um das wahrzunehmen, was das Kind wirklich brauchte.
Was aber passierte, wenn man krank war?
Dann wurde man gesehen. Dann kam Mama. Dann durfte man zuhause bleiben. Dann gab es Wärme, Nähe, Aufmerksamkeit – vielleicht das einzige Mal in der Woche, in der das Nervensystem wirklich zur Ruhe kam.
Wir sind lernende Wesen und Sicherheit und ein regulierter Zustand sind meistens ganz oben in der Prioritätenliste. Unser System lernt: Schmerz erzeugt Verbindung. Symptom erzeugt Fürsorge.
Und so wird das Symptom zu einem Bindungsverhalten. Einer tief verankerten, unbewussten Strategie, um das zu bekommen, was eigentlich ein Grundbedürfnis ist: gesehen zu werden. Wichtig zu sein. Nicht allein zu sein.

Die unbewusste Logik des Körpers
Natürlich läuft all das unterhalb der bewussten Wahrnehmung ab. Es geht nicht darum, dass jemand "absichtlich" krank bleibt. Das Nervensystem folgt einer inneren Logik des Überlebens – und diese Logik wurde in einem Alter geprägt, als das explizite Denken noch gar nicht zur Verfügung stand.
Das craniosacrale System – dieser feine, rhythmische Fluss von Cerebrospinalflüssigkeit, der sich durch Gehirn und Rückenmark bewegt – reagiert auf emotionale wie körperliche Erschütterungen gleichermaßen. Verdichtungen, Restriktionen, Haltungen: Sie sind oft die Abdrücke alter Erfahrungen, die nicht vollständig verarbeitet wurden.
Der Körper friert ein, was das emotionale System nicht halten konnte.
Und in diesem Einfrieren steckt – seltsamerweise – auch Sicherheit. Das Symptom hält ein Gleichgewicht aufrecht. Es ist ein Kompromiss zwischen dem Schmerz des Erlebten und dem Weiterleben im Alltag.
Die entscheidende Frage: Was müsste sich verändern?
Wenn ein Symptom eine Funktion hat, dann stellt sich eine wichtige Frage: Was müsste in deinem Leben Raum bekommen, damit du das Symptom nicht mehr brauchst?
Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die echte Antworten verlangt.
Vielleicht müsstest du lernen, Nein zu sagen – ohne dabei krank werden zu müssen. Vielleicht ist es an der Zeit zu lernen, um Hilfe zu bitten – direkt, ohne Umweg über den Körper. Vielleicht darfst du dir erlauben, gesehen zu werden – auch wenn du nichts leistest, nichts hast, nichts zeigst. Vielleicht fehlt Raum zu trauern – um das, was du als Kind nicht bekommen hast.
Das ist tiefe Arbeit. Sie ist nicht schnell und nicht linear. Aber sie ist möglich.
Heilung bedeutet nicht, das Symptom zu bekämpfen
Es geht um Integration und Annahme. Denn das Paradoxe an diesem Ansatz ist: Wer das Symptom bekämpft, verliert oft. Wer die Funktion des Symptoms versteht und die darunter liegenden Bedürfnisse direkt adressiert, findet einen anderen Weg.
In der körperorientierten Therapie nennen wir das manchmal Ressourcenorientierung: Nicht das Problem ins Zentrum stellen, sondern das, was das Nervensystem braucht, um sich sicher genug zu fühlen – um loszulassen und von innen heraus die heilende Sortierung und Verhandlung geschehen zu lassen.
Eine Einladung zur Neugier
Wenn dieser Artikel etwas in dir berührt hat – vielleicht einen leisen Widerstand, vielleicht eine unerwartete Resonanz – dann lohnt es sich, dort zu verweilen.
Nicht um Antworten zu erzwingen. Sondern um neugierig zu werden.
Was sagt dein Symptom über das, was du dir nicht erlaubst? Welches Bedürfnis trägt es stellvertretend in die Welt? Und wie wäre es, dieses Bedürfnis direkt zu zeigen?
Wenn du das Gefühl hast, tiefer hinabtauchen zu wollen, dann stehe ich dir in meiner Praxis für körperorientierte Psychotherapie gerne als Unterstützung zur Seite. Vereinbare dir gerne hier einen Termin für ein kostenloses Erstgespräch.