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Das Patriarchat und seine Folgen

Autorenbild: Sebastian Hofer
Sebastian Hofer
30. Aug.
6 Min. Lesezeit

Ein Mann, der in sich selber verwurzelt ist, lebt auf Basis seiner eigenen Autorität und Werte.

Das Patriarchat zielt genau darauf ab, diese innere Autorität zu zermürben. Indem es externe Rollenbilder, Konsum-Ideale und Werte-Kaskaden erstellt hat. Mit dem Effekt, dass sich die meisten Männer ständig in einem Rennen Hin-Zu befinden. Ausgehend von einem Gefühl, nicht genug zu sein, werden sie zu leicht manipulierbaren Männern.


Eine Wurzel und Steine

Wie das Patriarchat innere Autorität untergräbt

Das Patriarchat ist kein Komplott einzelner Männer, sondern ein politisch-soziales System, das Dominanz als Norm setzt: Es definiert, wer über wen bestimmt – Männer über Frauen, Stärke über Schwäche, Verstand über Gefühl – und hält diese Hierarchie durch Erziehung, Kultur und, wo nötig, durch Gewalt und Beschämung aufrecht. Es ist geschlechtslos in dem Sinne, dass es von Männern und Frauen gleichermaßen weitergegeben und verteidigt wird, obwohl es scheinbar Männer bevorzugt.


Wem dient es wirklich? Nicht dem einzelnen Mann – der zahlt den Preis in Form von emotionaler Verarmung, zerrütteten Beziehungen und gesundheitlichen Folgen. Es dient dem System selbst: Wirtschaft, Militär und Machtstrukturen, die von funktionierenden, gefühlsabgeschnittenen, leistungsbereiten und leicht steuerbaren Männern profitieren. Der einzelne Mann gewinnt dabei bestenfalls geliehene Macht – auf Kosten seiner eigenen Ganzheit.


Der erste Gewaltakt: emotionale Selbstverstümmelung

Bell Hooks bringt das in “The Will to Change” auf den Punkt: Der erste Gewaltakt, den das Patriarchat von Jungen verlangt, richtet sich nicht gegen andere – sondern gegen sie selbst. Er besteht darin, dass sie einen Teil ihrer eigenen Emotionalität abtöten müssen, um „männlich“ zu funktionieren. Das Gefühl, nicht genug zu sein, wird vom ersten Tag des Lebens an installiert, indem ein Teil der emotionalen Ganzheit systematisch abtrainiert wird. Wer sich dieser inneren Amputation verweigert, wird – so Hooks – von anderen Männern mit Ritualen der Beschämung diszipliniert. So werden Jungen nicht nur Opfer dieses Systems, sondern spätestens in der Schule auch zu Vollstreckern desselben Käfigs der Gefühllosigkeit, in dem sie sich gegenseitig halten.

Diese emotionale Abtrennung wird selten aus Bosheit weitergegeben, sondern meist aus dem fürsorglichen Antrieb zu lieben und zu unterstützen. Väter, die selbst nie gelernt haben zu fühlen, geben genau das an ihre Söhne weiter, weil sie glauben, sie damit „auf das Leben vorzubereiten“ – Härte als Schutzpanzer, den man dem Kind aus Fürsorge überstülpt. Hooks weist darauf hin, dass Mütter dabei keine unschuldigen Zuschauerinnen sind: Auch sie beginnen früh, ihre Söhne emotional zu „entwöhnen“, weil sie selbst gelernt haben, dass Nähe zu einem Jungen ihn schwächt oder „verweichlicht“. So wird aus Sorge um das Kind unbeabsichtigt der nächste emotional amputierte Mann geformt. Das System braucht also keine bösen Absichten, um sich fortzupflanzen – es reicht die stille Übereinkunft beider Elternteile, dass Verbindung riskant und Abtrennung sicher ist.


Warum Vulnerabilität neurobiologisch überlebenswichtig ist

Die Fähigkeit zu Vulnerabilität (z.B. Mitgefühl, Trauer, Angst, Nicht-Wissen) als Gegenpol zur vollkommen unmenschlichen Anforderung, alles zu können, ist tatsächlich ein sehr wichtiger Baustein für die neurobiologische Entwicklung. Der Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld beschreibt, wie entscheidend die sogenannten “Tränen der Vergeblichkeit” für die emotionale Reifung sind: Erst wenn ein Kind zum Beispiel lernt, das zu betrauern, was es nicht ändern kann – statt es wegzudrücken oder dagegen anzukämpfen –, entwickelt sich echte Anpassungsfähigkeit. Frustration ist eine häufige Reaktion in erwachsenen Männern und lässt sie emotional feststecken, weil dieses Gefühl nicht als sicher genug erlebt wurde.


Diese Reifung ist an das Zusammenwachsen der Gehirnhälften und die Entwicklung des präfrontalen Kortex gekoppelt. Wird einem Jungen genau das systematisch abtrainiert – “Indianer kennen keinen Schmerz” –, bleibt dieser Reifungsprozess buchstäblich stecken. Was übrig bleibt, ist laut Neufeld nicht Stärke, sondern Aggression: Unverarbeitete Frustration, die sich nicht in Tränen entladen darf, entlädt sich stattdessen als Wut, Kontrolle oder Rückzug.

Der Psychiater und Hirnforscher Dan Siegel ergänzt das aus Sicht der interpersonellen Neurobiologie: Integration – also das Zusammenspiel von emotionalen (limbischen) und rationalen (kortikalen) Hirnarealen – ist die eigentliche Basis für seelische Gesundheit, nicht die Dominanz der einen über die andere Seite. Wird ein Kind früh gelehrt, Gefühle zu benennen und zu regulieren, statt sie zu unterdrücken, wächst genau diese Integrationsfähigkeit. Männer, denen dieser Zugang seit Kindheit verwehrt wurde, verfügen dadurch nicht über einen Mangel an Gefühl, sondern über eine Art unterentwickelte neuronale Infrastruktur für dessen Verarbeitung – ein Muskel, der nie trainiert werden durfte, weil man ihn ihnen von Anfang an abgebunden hat. Unser Hirn hat sich auch von Grund auf unterschiedlich entwickelt: Die Areale für Logik und Durchsetzungsvermögen sind ausgeprägter, während jene für Mitgefühl, Angst oder Trauer kleiner sind – ein biologischer Ausgangspunkt, der durch das Fehlen genau dieser frühen emotionalen Übung noch verstärkt wird, statt ausgeglichen zu werden.


Ein Baum mit weißen Ästen

Emotionale Kälte als clevere Anpassungsstrategie zum Selbstschutz

Gerald Hüther ergänzt diese Perspektive aus der deutschsprachigen Hirnforschung heraus, mit einem eigenen Akzent. In seinem Buch “Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn” beschreibt er, dass Jungen im Durchschnitt konstitutionell empfindsamer und instabiler zur Welt kommen als Mädchen – und deshalb stärker auf äußeren Halt angewiesen sind: auf Anerkennung, Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Bedeutsamkeit im Außen. Genau diese frühe Abhängigkeit von äußerer Bestätigung macht es für Jungen besonders verlockend, den Kontakt zum eigenen Körper und den eigenen Gefühlen zu kappen, sobald das Umfeld Emotionalität abwertet – nicht aus Schwäche, sondern als scheinbar cleverste Anpassungsstrategie an ein Umfeld, das Verletzlichkeit bestraft.


Genau diese Diskrepanz aus konstitutioneller Empfindsamkeit und sozialen Normen macht es meiner Beobachtung nach auch so toxisch und so schwer für viele Männer wieder Kontakt zu dieser Vulnerabilität zu bekommen.

Hüthers zentraler Begriff dabei ist Würde: Entfaltung – also das Freilegen der eigentlichen Potenziale eines Menschen – gelingt nur, wenn niemand die eigene Würde verletzt oder verletzen lässt. Ein Mensch, der sich seiner Würde bewusst ist, so Hüther, ist nicht mehr verführbar. Das schließt unmittelbar an den eingangs beschriebenen Kreislauf an: Wer als Junge lernt, sich für äußere Bestätigung selbst zu verleugnen, verliert genau dieses Würdegefühl – und wird dadurch erst zum idealen Ziel für die Konsum-Ideale und Machtnarrative, die das Patriarchat bereithält. Hüther verortet das neurobiologisch im Wechselspiel von Angst, Stress und Bindung: Ein Gehirn, das früh lernt, unter Angst und Anpassungsdruck zu funktionieren statt in Geborgenheit zu wachsen, verfestigt genau die Muster, die später als „stark“ gelten, obwohl sie schlicht Abwehr sind.


Covert Depression: Wenn Scham zu Grandiosität wird

Den Umgang damit beschreibt Terry Real als „covert depression“: Weil Trauer und Ohnmacht als unmännlich gelten, flüchten viele Männer aus dem Schamgefühl in Grandiosität – Überlegenheit, Kontrolle, Rechthaberei. Diese Flucht fühlt sich kurzfristig besser an, richtet aber langfristig mehr Schaden an. Real beschreibt eine Pendelbewegung zwischen „besser als“ und „weniger wert“ – und genau dazwischen, in der Mitte, liegt eigentlich gesunder Selbstwert. Diese Mitte fehlt vielen Männern schlicht als Erfahrung.

Was auf der Strecke bleibt, zeigt sich nicht abstrakt, sondern sehr konkret im Alltag. Real beschreibt ein wiederkehrendes Muster in Partnerschaften: Sobald Scham aufkommt, kippt der Mann in Grandiosität um – Kontrolle, Rechthaberei, Rückzug ins „Ich brauche das alles nicht“ – statt die eigentliche Verletzlichkeit zu zeigen. Für die Partnerin bedeutet das oft ein Gefühl von Einsamkeit trotz Nähe, weil echte Begegnung auf Augenhöhe gar nicht stattfinden kann, solange einer der beiden entweder oben oder unten steht. Dieses Muster bleibt nicht folgenlos für den Mann selbst: Die chronisch unterdrückte Emotionalität äußert sich nicht immer als Depression oder als Traurigkeit, sondern als Rastlosigkeit, Reizbarkeit, Suchtverhalten oder Workaholismus. Langfristig trägt genau dieses Muster zu erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Suchterkrankungen und eine geringere Lebenserwartung bei. Der Preis für das Nicht-Fühlen wird am Ende also doppelt bezahlt: in der Beziehung und im eigenen Körper.

Meiner Vermutung nach ist das alles so normal geworden und die abgespaltene Angst vor dem Fühlen so groß, dass sich diese Systeme aufrechterhalten haben. Genügend Männer haben sich außerdem die Karotte des materiellen Erfolgs und der Machtnarrative vorhalten lassen und spüren meist auch einfach gar nicht, was ihnen fehlt.


Denken statt fühlen: die bequeme Falle

Fehlende Verbindung zum Selbst als Verwurzelung oder anderen ist ja leicht veränderbar im Denken – durch Argumente und intellektuelle Vermeidung. Genau das ist die Falle, die Real beschreibt: Grandiosität und Verstandes-Flucht fühlen sich wie Stärke an, sind aber eine Abwehr gegen das eigentliche Problem, nicht dessen Lösung. Solange man in ihr steckt, gibt es keinen Boden für echte Nähe: Man ist entweder oben oder unten, nie auf Augenhöhe.

All das zu fühlen braucht den Willen. Und eine Ahnung davon, was fehlt. Und gemeinsames Momentum. Dazu braucht es auch Männer, die füreinander diesen Raum offenhalten – nicht nur Frauen oder Therapeut:innen, die diese Arbeit für sie übernehmen.


Wenn dich dieser Text berührt hat, dann lass uns gerne im Rahmen eines kostenlosen Erstgesprächs darüber reden. Ich freue mich auf dich und deine Gedanken und Gefühle dazu!

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